Es war eine europaweite Pioniertat: Am 27. Oktober 1918 wurden die beiden ersten reformierten Theologinnen der Zürcher Volkskirche ordiniert. Doch der sehnlichste Wunsch von Rosa Gutknecht (Bild) und Elise Pfister, Pfarrerinnen zu sein, hatte sich nicht erfüllt. Sie wurden nur als «Hülfskraft der Herren Geistlichen» angestellt.




Ehre für Ordensschwester

Zwei Zürcherinnen schrieben 1918 europaweit Geschichte

In der Gemeinde sollen die Frauen schweigen: Was Paulus im Korintherbrief niedergeschrieben hat, prägt die Geschichte des Christentums über Jahrhunderte hinweg. Doch 1918 schweigen die Frauen nicht mehr: Sie erheben ihre Stimme, zumindest in der reformierten Kirche, zumindest in Zürich, schreibt die «Neue Zürcher Zeitung». Es sind unruhige Zeiten. Der Erste Weltkrieg nähert sich seinem Ende, in der Schweiz steht der Landesstreik bevor. Und in der Kirche erhalten am 27. Oktober zwei Theologinnen als europaweit erste die Ordination, also die Einführung in ein kirchliches Amt. Sie heissen Rosa Gutknecht und Elise Pfister. 


Bis dahin ist es ein langer Weg gewesen. Die Reformation des 16. Jahrhunderts wirkt sich auf die Stellung der Frau zwiespältig aus: Das eigene Heim ist der Platz für alle Frauen. Andererseits stärkt das von Zwingli eingebrachte neue Eherecht, das Zwangsehen ausschliessen soll, die Position der Gattin. Mit der Pfarrfrau entsteht auch ein neues Rollenbild, das in die Gesellschaft ausstrahlt. Vor allem aber bringt die Reformation Fortschritte in der Bildung. Auch die Mädchen lernen nun lesen – denn sie sollen später als Mütter in der Lage sein, sich die biblischen Botschaften selbst zu erschliessen und sie ihren Kindern zu vermitteln. 


An diese Bildungstradition können 400 Jahre später die zwei Frauen im Grossmünster anknüpfen, schreibt die «Neue Zürcher Zeitung» weiter. Die beiden gelten als tieffromm, demütig und streng mit sich selbst: Rosa Gutknecht, die 1885 in Ludwigshafen zur Welt gekommen, jedoch bereits als Kind mit ihrem Zürcher Vater in die Schweiz gezogen ist, und die um ein Jahr jüngere, aus Horgen stammende Elise Pfister lernen sich bereits am Lehrerinnenseminar kennen. Der Beruf als Primarlehrerinnen erfüllt beide nicht. Das Einzige, was Gutknecht Vergnügen bereitet, ist der Religionsunterricht. So beginnt sie im Herbst 1913 an der Universität Zürich ein Theologiestudium. Der Schritt braucht Mut, Gutknecht ist die erste angehende Schweizer Theologin überhaupt. 


1917 schliesst Gutknecht das Studium mit Bravour ab, 1918 ist auch Pfister so weit. Mit der gemeinsamen Ordination haben sie eine Zwischenetappe erreicht, aber noch lange nicht das Ziel: Vollwertige Pfarrerinnen wollen sie sein, es ist ihre Berufung. Doch die Zeit ist nicht reif für Frauen auf der Kanzel: Sie und Pfister erhalten Anstellungen als Pfarrhelferinnen in der Stadt Zürich – mit deutlich tieferen Löhnen als die Pfarrer. Sie kümmern sich um den Religionsunterricht, die Seelsorge in Krankenhäusern oder die Armenfürsorge. 
«Rosa Gutknecht hat sich für die Arbeiterfamilien eingesetzt. Sie standen Schlange vor ihrem Büro im Grossmünster», schreibt das Onlineportal von SRFManchmal dürfen sie sogar predigen und überzeugen dabei viele Zuhörer mit einer lebensnahen Auslegung der Bibel. Heute stellen die Frauen rund ein Drittel der reformierten Pfarrschaft, Tendenz steigend. 


Herzlich, Markus Baumgartner

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