|
No images? Click here ![]() Weit mehr als ein frommer Rebell
Bob Dylan schrieb Geschichte mit Welthits wie «Knockin’ on Heavens Door», «Blowin’ in the Wind» oder «Like a Rolling Stone». Er begeistert bis heute Millionen von Fans und erhielt 2016 als erster Singer-Songwriter den Nobelpreis für Literatur. Bob Dylan ist einer der einflussreichsten Musiker aller Zeiten. Nun ist ein über 700 Seiten starkes Buch erschienen, das Einblick in die Spuren der Folk- und Rocklegende durch 60 Jahre Musikgeschichte gibt. Bei der Analyse der Songs fällt eines auf: Die meisten Lieder sind von der Bibel inspiriert. Er ist Sänger, Gitarrist, Pianist, Organist, Mundharmonikaakrobat, Lyriker, Maler, bekennender Pazifist, praktizierender Christ. Er ist Folklegende und Rockveteran. Über Dylans Kunst sind schon viele Essays und Interpretationen und sogar Doktorarbeiten geschrieben worden. Insgesamt sind über kaum einen Künstler so viele Biografien erschienen – und trotzdem wissen wir eigentlich nichts über Bob Dylan. Er hat die unterschiedlichsten Kunstfiguren geschaffen – gepaart mit grosser Lebensweisheit und Humor, was zu einem einzigartigen Werk geführt hat. Nun versucht das neue Buch «Bob Dylan – Alle Songs» (Delius Klasing Verlag) auf 736 Seiten mit 456 Fotos einen kompletten Überblick zu geben. Über die Geschichten hinter den Tracks und einer 60-jährigen Musikgeschichte. Die französischen Autoren Philippe Margotin und Jean-Michel Guesdon beschreiben alle Bob-Dylan-Alben und zeigen Song für Song die Hintergründe zu den literarischen Songtexten und Melodien. Dabei müssen sie bei den 582 vorgestellten Songs fast immer zur Bibel greifen, um die Hintergründe zu erklären. Viele Kehrtwendungen im Leben Kein Songwriter hat das Bewusstsein gleich mehrerer Generationen so geprägt wie Bob Dylan: Als Folkrebell fing er Anfang der 1960-er Jahre mit politischen Protestsongs die Stimmung seiner Generation ein. Bis dahin spielt er fast ausschliesslich solo und auf der akustischen Gitarre. Ein Meilenstein des Wechsels war 1965 sein Auftritt beim Newport Folk Festival mit Musikern einer Bluesband, der bei den puristischen Freunden der Folkmusik heftige Kritik auslöste. Dann folgte der rätselhafte Rückzug nach einem schweren Motorradunfall. Später machte er eine Produktion zusammen mit dem Country-Musiker Johnny Cash. Die LP wurde zu Dylans bis dahin grösstem kommerziellen Erfolg. Dylan bereitete so der Akzeptanz der bislang als reaktionär verpönten Country-Musik im Rocklager den Boden. Als in den 1970-er Jahren seine Ehe mit Sara zerbrach, gab er ein Comeback als gläubiger Christ: The times they are a-changing… Von 1979 bis 1981 veröffentlichte er in seiner von manchen als «Born again» genannte Phase drei Gospel-Alben: «Slow train coming», «Saved» und «Shot of Love». An einem Konzert bei New York sagte er 1978 dazu: «Jesus tippte mir auf die Schulter und sagte: Bob, warum widerstehst du mir? Ich antwortete: Ich widerstehe dir nicht. Er fragte: Willst du mir folgen? Ich antwortete: Daran habe ich bislang nicht gedacht. Darauf er: Wenn du mir nicht folgst, widerstehst du mir.» Die Frage nach dem Glauben heute Ab 1982 wechselte er wieder zu mehr weltlichen Texten. Doch ausgerechnet das erste Album nach der Gospel-Trilogie enthielt wieder starke Songs mit biblischem Bezug. Ab 2003 hat er das Lied «Saving Grace» wieder regelmässig live interpretiert. Die Diskussion ist daher müssig, ob Bob Dylan heute noch ein gläubiger Christ sei. Dass er 2016 die Bootleg-Serie der Live-Aufnahmen aus der Gospel-Zeit freigab, war eine klare Bestätigung dafür. Bob Dylan gab einmal eine Erklärung ab, wieso er mit den Gospel-Songs nur drei Jahre aufgetreten ist: «Jesus hat auch nur drei Jahre öffentlich gepredigt.» Der Biograf Scott M. Marshall schrieb das Buch «Bob Dylan: A Spiritual Life» und belegte, dass der Singer zwischen 1961 bis 1978 vor seiner Gospelzeit schon 89-mal auf Bibelverse Referenz zollte. Wenn man sich «Blowin in the wind» anhört, breitet sich ein Gefühl tiefer Spiritualität aus. Das kennzeichnet das Genie von Bob Dylan: Alle finden im grossen Repertoire einen Song, der sie persönlich berührt. «Ziel der Musik ist es, den Geist zu erheben und zu inspirieren», sagte Bob Dylan 1983. Dabei arbeitete Bob Dylan nach dem Prinzip: «Als Künstler ist es seine Aufgabe, das Gewissen aufzurütteln, und nicht das Publikum einzulullen, indem man ihm fertige Wahrheiten präsentiert.» Eine der wichtigsten Figuren der populären Kultur Bob Dylan wurde 1941 in Duluth im US-Bundesstaat Minnesota als Robert Zimmermann geboren und wuchs in einer liberalen jüdischen Familie in geordneten Verhältnissen auf. Sein Grossvater war 1905 aus Odessa aus der Ukraine in die USA eingewandert. Allerdings liess das kleinbürgerliche, konservative Milieu der Bergarbeiterstadt den introvertierten Freigeist Bob Dylan zum Einzelgänger werden. Er war bemüht, seine Gefühlswelt über andere Mittel auszudrücken und liess als passionierter Radiohörer schon früh eine Vorliebe für Musik erkennen. 1959 nahm der damals 18-Jährige per Tonband seine allerersten Lieder auf. Es folgt ein langer Weg von seinem Heimatort Hibbing in Minnesota bis er das New Yorker Greenwich Village erreichte und von dort in den Olymp der populären Kultur aufstieg. Ohne Zweifel ist Bob Dylan eine der wichtigsten Figuren der populären Kultur, er hat beeinflusst und geprägt, hat Dinge ins Laufen gebracht und war in seinen frühen Jahren ein Weltbeweger. 2016 erhielt er «für seine poetischen Neuschöpfungen in der grossen amerikanischen Songtradition» als erster Musiker den Nobelpreis für Literatur. Oft zog er seine Inspiration aus Liedern aus der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts. Dabei spielte keine Rolle, ob die Person schwarz oder weiss, ein Mann oder eine Frau war. «Musik hat für mich keine Hautfarbe. Die Zukunft der amerikanischen Musik macht es notwendig, das musikalische Erbe der Gründergeneration neu zu interpretieren», sagte Bob Dylan dazu. Seit 1988 befindet sich er sich auf seiner «Never Ending Tour» und spielt rund 100 Konzerte pro Jahr. Nach all diesen Jahren, in denen Bob Dylan die Welt verzaubert und verändert hat, ist er auch als 81-jähriger immer noch aktuell. Herzlich, Markus Baumgartner |
