«Er bleibt der einflussreichste Staatsmann der Niederlande, dessen Vermächtnis noch deutlich sichtbar ist. Dies, obwohl Abraham Kuyper in der niederländischen Gesellschaft heute eher eine vernachlässigte Figur ist», ist Johan Snel überzeugt. Der niederländische Journalist und Historiker «entdeckte» Kuyper erst vor wenigen Jahren, als er mit seiner Doktorarbeit über den niederländischen Journalismus begann. Dabei erforschte er einige der rund 20’000 Artikel und 200 Bücher, die Kuyper im Laufe seines Lebens verfasst hatte. Immer wieder stiess er auf diesen «Giganten», dem er nicht ausweichen konnte. Abraham Kuyper war nicht nur der führende niederländische Journalist, sondern auch Leiter einer neuen Kirchenrichtung, Gründer der Freien Universität
Amsterdam, Führer der ersten modernen politischen Partei der Niederlande und wurde 1901 Premierminister. Mit dem 480 Seiten starken Buch «The seven lives of Abraham Kuyper» hinterlässt Johan Snel ihm Denkmal.
Gott über alle Lebensbereiche
Abraham Kuyper begann seine Karriere als liberaler Kirchenmann. Er erlebte mehrere Bekehrungsmomente, die ihn zu der Überzeugung führten, dass Gott nicht nur über den geistlichen Bereich herrscht, sondern über alle Lebensbereiche. Auf dieser Grundlage machte er es sich zur Aufgabe, die niederländische Gesellschaft unter der Herrschaft von Jesus Christus zu reformieren – insbesondere in den Bereichen Kirche, Regierung, Bildung und Journalismus. Auf den Schultern von Johannes Calvin, dem Reformator aus Genf, und Groen van Prinsterer, einer Schlüsselfigur der Réveil-Bewegung, analysierte Kuyper scharfsinnig die politische Malaise des späten 19. Jahrhunderts. Die Aufklärung hatte die heilige Grundlage der Gesellschaft zugunsten eines humanistischen Strebens nach «liberté, égalité et fraternité» aufgegeben. Doch
wie sollte man von Brüderlichkeit sprechen ohne den Vater als Ausgangspunkt? Wenn Menschen nur das zufällige Produkt von Zeit und Materie sind, wie kann man von Gleichheit sprechen? Wenn Freiheit einfach bedeutet, zu tun, was man will, statt was man tun soll, warum sollte man dann für das Gemeinwohl eintreten?
Götzendienst
Abraham Kuyper betrachtete die verschiedenen «-ismen», die auf der politischen Bühne auftauchten – Kapitalismus, Sozialismus, Nationalismus, Konservatismus und Liberalismus – als Ausdruck von Götzendienst. Jede Ideologie suchte «Erlösung», indem sie einen Teil von Gottes guter Schöpfung absolut setzte: etwa Reichtum, Staat, nationale Identität, Tradition oder Freiheit. Der Mensch ist ein anbetendes Wesen. Nachdem er Gott verworfen hat, versucht er zwanghaft, die Leere mit einem falschen Gott zu füllen. Diese Explosion ideologischer Optionen, die die geistige Leere füllen sollen, hat viele heute verwirrt, orientierungslos und intellektuell unruhig zurückgelassen. Obwohl sie sich für universelle Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit einsetzen, fehlt ihnen die Grundlage, um diese Werte zu rechtfertigen. Der
politische Diskurs ist zu einem Lautstärke-Wettstreit verkommen, berichtet Jeff Fountain, Direktor des «The Schuman Centre for European Studies» in Amsterdam in seinem Blog.
Liberalen Individualismus ablehnen
Abraham Kuyper lehnte den liberalen Individualismus ab, der Gesellschaft als eine Ansammlung freier Individuen sieht, bei der der Staat als Schiedsrichter fungiert. Er sah den Einzelnen eingebettet in Gemeinschaften mit einzigartigen Verantwortungen. Er war gegen den Staatismus, also die Tendenz moderner Staaten, Bildung, Fürsorge oder Religion zu zentralisieren. Ebenso lehnte er Theokratie oder Kirchenherrschaft ab. Also die Vorstellung, dass die Kirche das gesamte öffentliche Leben kontrollieren sollte, da dies die Freiheit des Gewissens und des Glaubens nicht respektiere. Kuyper setzte sich für religiösen Pluralismus in öffentlichen Institutionen ein. Dies wurde in der niederländischen Politik als «Verzuiling» (Säulendenken) bekannt, bei dem jede Weltanschauung (protestantisch, katholisch, sozialistisch, liberal) eigene Institutionen
innerhalb der Gesellschaft entwickelte. So führte er beispielsweise die gleiche staatliche Unterstützung für öffentliche und konfessionelle Schulen in den Niederlanden ein – eine Regierungspolitik, die bis heute gilt. Er verteidigte das Recht von Gemeinschaften – katholisch, protestantisch, säkular, sozialistisch –, ihre eigenen Schulen, Zeitungen, Gewerkschaften, Parteien usw. zu organisieren.
Kuypers Pluralismus beeinflusste die moderne christdemokratische Politik in Europa und das Konzept des Pluralismus in anderen demokratischen Gesellschaften. Sein Modell ist weiterhin relevant in Debatten über Religionsfreiheit, Multikulturalismus und die Grenzen staatlicher Macht. Er ist eine Figur, die viel mehr Beachtung verdient. Dies nicht nur, um Amsterdams Vergangenheit zu verstehen, sondern auch,
um uns durch die globalen Herausforderungen unserer turbulenten Gegenwart zu führen.
Herzlich, Markus Baumgartner