![]() Der Pfarrer meines Lebens
Wie hast dus mit der Religion? Der Schweizer Journalist und Buchautor Bruno Ziauddin analysiert öffentlich seinen christlichen Glauben. Er zählt sich zu den Christen, die sich nicht entscheiden können, ob sie Christen sind. Dafür rühmt er sich, mit Reto Müller einen Pfarrer seines Lebens zu haben. Bruno Ziauddin (1965) ist Journalist, Buchautor sowie Dozent an der Schweizer Journalistenschule in Luzern. Er ist Sohn eines indischen Ingenieurs und einer Schweizer Krankenpflegerin und in Zürich aufgewachsen. Für seine Texte, die unter anderem in der Weltwoche, im Süddeutsche Zeitung Magazin und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen sind, ist er zweifacher Träger des Zürcher Journalistenpreises und wurde 2008 als «Reporter des Jahres» ausgezeichnet. Neben leitenden Funktionen bei «Weltwoche», später «Annabelle» und heute beim «Magazin» schrieb er den Bestseller «Grüezi Gummihälse», das biografische «Curry-Connection» und zuletzt «Bad News». Nun hat er sich in einer Kolumne in der Tages-Anzeiger-Beilage «Das Magazin» öffentlich mit seinem christlichen Glauben und seinem Pfarrer Reto Müller auseinandergesetzt. Hier der leicht gekürzte Text: Entscheidungsschwäche Ich gehöre zu einer der zahlenstärksten Gruppen innerhalb der Landeskirchen: Christen, die sich nicht entscheiden können, ob sie Christen sind. Fraglos bin ich «Christ», wenn es um die Erziehung geht, den kulturellen Hintergrund, das ethische Fundament, die religiöse Sozialisation (Gutenachtgebete, Unterricht, Jugendgottesdienste). Darum sollte hier besser stehen: Ich gehöre zu den vielen Christen, die sich nicht entscheiden können, wie religiös sie noch sind. Und wie viel sie noch mit der Kirche zu tun haben wollen. Was mich vermutlich von anderen unterscheidet, die in einer ähnlichen Lage sind (man könnte es auch eine Nicht-Lage nennen oder Trägheit oder Entscheidungsschwäche oder spirituelles Wachkoma): Im Gegensatz zu anderen Weissnichtgenau-Irgendwieschon-Christen habe ich einen Pfarrer des Lebens. Dieser war schon als junger Vikar bei meiner Erstkommunion dabei. Als aus mir ein rebellischer Teenager und Frühzwanziger wurde, war er dann der hauptsächliche Grund, dass ich mich nicht ganz von der Religion abwandte. Wie er seinen Glauben lebte, was er predigte, die Selbstverständlichkeit, mit der er – und viele andere in der Kirchgemeinde – meinen ungetauften, dunkelhäutigen Vater am Leben in der Pfarrei teilnehmen liess, das war gar nicht so weit weg von meinen langhaarigen Ansichten punkto Solidarität, Gerechtigkeit, Pazifismus etc. Bloss gab es dafür ein weniger cooles Wort: Nächstenliebe. Gemeinde der Lauwarmen Der Vikar, der zum Pfarrer meines Lebens werden sollte, zog weg und wurde Pfarrer in einer anderen Gemeinde. Als meine schwer kranke Mutter dem dortigen Kirchenchor beitrat, begegnete ich ihm wieder. Natürlich war er es dann, der meine Eltern beerdigte, als sie kurz hintereinander starben. Später traute er meine Frau und mich, ein paar Jahre vor seiner Pensionierung taufte er auch noch unseren Sohn. In der Gemeinde der Lauwarmen gibt es viele, die früher oder später aus der Kirche austreten. Gerade die römisch-katholische Kirche liefert mannigfaltigen Anlass dazu, wobei ich den Verdacht habe, dass es häufig genau das ist: ein Anlass, ein Vorwand, das zu tun, was man ohnehin hatte tun wollen, unabhängig davon, wie haarsträubend oder makellos die Kirchenoberen agieren. Ich habe nie über einen Kirchenaustritt nachgedacht. (…) Als Passiv-Christ, so fand ich immer, steht mir Indignation in innerkirchlichen Angelegenheiten nicht zu. Der Fussballer Alexander Frei formulierte dieselbe Überlegung für die Welt des Sports einst so: «Nichtspieler Maul halten.» Herzlich, Markus Baumgartner |
