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Bullinger aus richtigem Holz geschnitzt

 

Es sind genau 500 Jahre her, dass im Kloster Kappel die Mönche erstmals das Abendmahl in reformierter Weise feierten und ihre Mönchskutten ablegten. Jetzt kann man Heinrich Bullinger wieder fast live erleben: Eine lebendige Kunstinstallation mit ausdrucksstarken Holzfiguren macht die reformatorischen Umbrüche in Kappel vor 500 Jahren erfahrbar. Sie lädt zur Auseinandersetzung mit Glauben und Glaubensfreiheit als Grundstein der modernen Schweiz ein. Der Reformator Bullinger übt nach dem Tod Zwinglis eine wichtige Funktion in der Reformation aus. 

 
 

1523 rief Abt Wolfgang Joner den 18-jährigen ausgebildeten Magister Heinrich Bullinger als Scholarus (Lehrer) nach Kappel. Bullinger «will sich das nochmals überlegen». Er war überzeugt von Luthers reformatorischen Einsichten und von dessen Kritik, auch am Mönchtum. Er stellte Bedingungen: keine Mönchs-Kutte, kein Stundengebet, keine Teilnahme an den Messen. Abt Joner war auch Reform orientiert und akzeptierte die Forderungen des jungen Lehrers. Mit Heinrich Bullinger verbreitete sich der reformatorische Geist rasch unter den Mönchen und in der Region – seit Beginn in deutscher Sprache. Am 29. März 1526 feierten sie zum ersten Mal das Abendmahl auf reformierte Weise. Die Zisterzienmönche legten ihre Kutten für immer ab. 1527 übergaben sie das Kloster der Stadt Zürich. 

Lebendige Holzfiguren
Was vor 500 Jahren geschah, hat die Neugier von Künstler Peter Leisinger geweckt. Sein persönliches Interesse an den Umwälzungen vor 500 Jahren und am Leben Bullingers hat den Künstler dazu bewogen, zur Motorsäge zu greifen, erklärt der «Bote der Urschweiz». Seit dem Spätsommer 2025 sind verschiedene Holzfiguren entstanden. Sie zeigen, dass Heinrich Bullinger als Reformator aus dem richtigen Holz geschnitzt war. Weitere Figuren sind müde Mönche, aufgeweckte Schüler, der dialogbereite Abt Joner, kritische Ratsherren, Bullinger als Knabe oder Bursche oder Gelehrter. Alle haben sie starke Ausdrücke und laden zur Interaktion ein. Man bekommt Lust, mit ihnen zu kommunizieren. «Peter Leisingers Ausstellung im Kloster Kappel gibt der Reformation Körper, Gesicht und Gegenwart» , schreibt die «Neue Zürcher Zeitung». Mehr als 50 Figuren hat der Holzbildhauer aus dem Bündner Dorf Malans für die Ausstellung geschaffen, die meisten zu Stationen aus Bullingers Leben. Die Figuren sind grob bearbeitet, sichtbare Schnitte, splittrig, ungeschönt, zusammengeschraubt. Aber genau daraus gewinnen sie ihre Präsenz. 

Freier Glaube
In Bullinger «Bekenntnis» von 1529 steht: Alles ist in der Bibel verfasst – das heisst begründet. Die menschgemachten Zusätze nützen nichts, Jesus Christus ist der einzige Vermittler, die einzige Gerechtigkeit und Erlösung. Was Gott nicht gepflanzt hat, wird ausgerissen, es hat keinen Bestand. «Damals war unendlich wichtig, was uns heute ganz selbstverständlich erscheint, nämlich dass jeder Mensch glauben kann, was er will», merkt Peter Leisinger dazu an. Diese Überzeugung schwingt in der Ausstellung mit. Heinrich Bullinger wurde 1531 als 27-jähriger als Freund Zwinglis auch sein Nachfolger als Leutpriester (Stadtpfarrer) am Grossmünster in Zürich. Damit begann ein 44-jähriges Wirken in Zürich, in welchem Bullinger nach innen die Reformation in allen Bereichen festigte und durch eine ganz erstaunliche Anzahl von Schriften und eine noch viel erstaunlichere europaweite Korrespondenz zu einem «Vater» des reformierten Protestantismus wurde.

Grundstein für moderne Schweiz 
Peter Leisingers Ausstellung ist nicht nur eine bildstarke Werkschau mit biografischem Inhalt im Kontext mit einem historisch bedeutenden Ort; sie ist auch – und das vor allem – eine explizite Einladung, sich mit der «Glaubensfreiheit als Grundstein der modernen Schweiz» auseinanderzusetzen. So beschreibt der Künstler persönlich seine Motivation. Die Bemühungen von Bullinger um die Freiheit führten 1848 zur Bundesverfassung, in dem auch Religionsfreiheit festgelegt wurde. Die Ausstellung «Bullinger!» mit Skulpturen von Peter Leisinger ist täglich von 07.30 bis 22.00 Uhr (sonntags bis 21.00 Uhr). bis Freitag, 31. Juli 2026, 21.00 Uhr geöffnet. Jeden Donnerstag um 13.30 Uhr gibt es eine exklusive Führung durch die Bullinger-Ausstellung. Gäste erfahren mehr über das Wirken und Erbe Heinrich Bullingers in der besonderen Atmosphäre des Klosters Kappel. Es ist keine Anmeldung erforderlich und die Führung ist kostenlos.

Herzlich, Markus Baumgartner

 
 
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