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No images? Click here ![]() Abkanzeln und Neues wagen
Kathrin Bolt ist Pfarrerin und Kabarettistin. Sie tauschte ihr Büro auch mal mit einem Popupcafé, mit welchem sie durch die Quartiere zog. Sie hat mir einer Motorsäge eine Kanzel zersägt und liess sich eine Woche lang in eine Zelle einsperren. Die Fasnachtsgesellschaft hat sie als «Ehren-Födlebürgerin» geehrt. Und jetzt ist sie die erste Frau, die als Pfarrerin an der St. Laurenzenkirche in St. Gallen tätig ist. Kathrin Bolt geht gerne unorthodoxe Wege. Mit Humor etwas in Angriff nehmen oder aus dem Fenster lehnen gehört zum Charakter von Kathrin Bolt: «Wir wollten symbolische Bilder schaffen. Wir glauben, dass wir mit unseren Worten am Sonntagmorgen nur eine kleine Menge Menschen erreichen. Wir glauben aber auch, dass sich darüber hinaus noch mehr Menschen dafür interessieren, was in der Kirche läuft.» So hat ihre damalige Kirchgemeinde 2019 ein Predigtverbot herausgegeben: «Die Predigt ist überholt», hatte eine junge Kollegin frech geschrieben. Das hat das Pfarrteam herausgefordert und sie haben einen Monat die Predigt im Gottesdienst weggelassen und stattdessen neue partizipative Kommunikationsformen im Gottesdienst erprobt. «Das war eine spannende Erfahrung.» Am Schluss haben viele betont, dass sie die Predigten sehr schätzen und sie weiter hören wollen. Kathrin Bolt wurde auch als «Ehren-Födlebürgerin» der Stadt St. Gallen ausgezeichnet: «Das war unglaublich schön und habe ich überhaupt nicht erwartet.» In der Laudatio wurde gesagt: «Du bist jemand mit Füdle, Herz und Humor.» Obwohl sie keine Fasnächtlerin sei, aber eine Schnitzelbänklerin könne sie noch werden. Die zersägte Kanzel Dann wurde Kathrin Bolt für eine Motorsägen-Challenge der Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin vom «Atelier für Sonderaufgaben» nominiert. Aufgabe: Säge mit einer Motorsäge ein Stück Realität irgendwo heraus und schaff daraus etwas Neues. Kathrin Bolt dazu: «Ich bin handwerklich überhaupt nicht begabt. Daher bin ich zum Pfarrteam gegangen und habe gefragt: Kann ich eine Kirchenbank zersägen?» Sie wurde dann auf eine Kanzel aufmerksam gemacht, die kaum mehr gebraucht wird. Weil viele Zeitgenossen mit der Predigt reflexartig «von oben belehrt werden», «abkanzeln» und «Gardinenpredigt» assoziieren, sei das eine Steilvorlage gewesen. Die Mutter von zwei Töchtern dazu: «Die Kanzel ist das Herzstück und der Ort der Predigt. Gleichzeitig hat die Kanzel eine tragische Geschichte, weil der Pfarrer von oben herab sagte, wie sündig und klein wir sind. Wir wollten ein neues Bild schaffen.» So kam es, dass sie mit der Motorsäge eine Kanzel zersägt hat. Mit Visier, Ohrenschutz und dicker Latzhose machte sie sich ans Werk. Kathrin Bolt baute daraus einen Tisch der Sehnsucht zum Ort des Austauschs, wo man auf Augenhöhe diskutieren kann. Eingeschlossen wie die Stadtheilige Kathrin Bolt liess sich für ein Experiment eine Woche lang in eine Zelle einsperren. «Ich war nicht eingesperrt, wie jemand der gefangen ist. Ich hätte aber auch nicht rauskommen können», erklärt die 41-Jährige in der Sendung «Im Zug mit» von Ostschweizer Regionalfensehen TVO. Sie erinnerte damit an Wiborada, der Stadtheiligen von St. Gallen. Diese lebte vor über 1000 Jahren in St. Gallen bei der Kirche St. Mangen als Inklusin freiwillig eingemauert in einer Zelle. Bis zu ihrem Tod im Jahr 926 blieb sie zehn Jahre eingemauert, durch je ein Fenster mit der Kirche und der Aussenwelt verbunden. Sie empfing dabei viele Ratsuchende und wurde ihrem Namen Wiboroda –Ratgeberin – gerecht. Kathrin Bolt lebte wie sechs andere Frauen und drei Männer in einer eigens für das Projekt gebauten Holz-Klause. «Wiboroda lebte eine ausserordentliche Lebensform, suchte die Freiheit, wollte keinen Mann und auch nicht ins Kloster, aber gleichzeitig für Menschen da sein.» Erste Frau der St. Laurenzenkirche «Tuond umb Gotzwillen etwas Dapfers!» Dieses Zitat des Reformatoren Huldrych Zwingli erhielt Kathrin Bolt, als sie vor knapp 14 Jahren in der reformierten Kirchgemeinde Straubenzell St. Gallen West ihre Stelle als Pfarrerin antrat.Nun wechselt sie innerhalb der Stadt als erste Frau zur Kirche St. Laurenzen. Dies ist die bedeutendste reformierte Kirche in St. Gallen. Die Toggenburgerin ist auf diese neue Herausforderung vorbereitet und erhielt fast durchgehend positive Reaktionen. Auch in der Laurenzenkirche will sie Neues wagen. Kathrin Bolt studierte in Zürich Theologie. Nach dem Vikariat in Brunnadern begann sie 2009 als Radiopfarrerin bei FM1 und übernahm gleichzeitig ihre erste Pfarrstelle in der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Straubenzell. Sie spielt leidenschaftlich gerne Theater, hat eine kabarettistische Ader und schreibt die Stücke selbst – insbesondere zu Care- und Genderthemen. Aus Anlass des Jubiläums 500 Jahre Reformation hatte sie sich zwei anderen Pfarrerinnen unter dem Motto «frisch, fromm, frech, frei» zur Gruppe «Reformanzen» und einem speziellen Bühnenprogramm zusammengetan. Herzlich, Markus Baumgartner |
