«Getragen von Christus wollen wir Christus unter die Menschen tragen», sagt Bruder Thomas Dürr auf einem YouTube-Clip. «Wie Christophorus wollen wir Christus dienen. Dabei machen wir die Erfahrung, dass wir von Ihm getragen werden.» Die Christusträger-Bruderschaft in Ralligen BE lebt nach dem Dreiklang Gastfreundschaft geniessen, Gott begegnen, Gemeinschaft erleben. Das Haus verfügt über 26 Zimmer mit ungefähr 60 Plätzen
für Gäste. Sie sind kein Hotel, sondern öffnen das Haus und verlängern den Tisch. «Wir geben Gott hier Raum, und diesen Raum prägen wir durch unser Leben mit. Jeder Gast, der zu uns kommt, begegnet auch Christus.» Wenn die Gäste hier Gott begegnen würden, sei dies seine grösste Freude. Es strömen immer wieder junge Menschen nach Ralligen. Dies aber weniger, um Ferien zu machen oder sich zu erholen. Sie suchen im «Kloster auf Zeit» ein Ort der Gemeinschaft und arbeiten gerne mit. Ralligen liegt am Jakobsweg. Daher sind über den Sommer immer zwei Zimmer für Pilger reserviert.
50-Jahr-Jubiläum
Im April 1976 konnten wir Christusträger das Gut Ralligen erwerben. Das Anwesen wurde saniert und zu einem Lebensort für Brüder und Gäste ausgebaut. Innere Einkehr und der Blick auf eine mystische Landschaft kommen hier zusammen. Die Kapelle war ein alter Stall, der lange brach dalag und dann umgebaut wurde. Ganz nach dem Motto: «Wenn Jesus im Stall auf die Welt kam, wieso soll er dann uns nicht auch im Stall begegnen?» Der Ort wird für die Einkehr geschätzt. Eine Teilnehmerin sagt: «Ich kann zum Gebet kommen, ohne etwas dafür tun zu müssen». Es sei wohltuend, sich dem Rhythmus einer Lebensgemeinschaft hinzugeben. Zudem gäben einem der See, die Berge ringsherum und der gepflegte Park ein erhabenes Gefühl. «Was mich mit Gott verbindet, ist vor allem die Natur.»
Ökumenischer Ausrichtung
Die Christusträger Bruderschaft ist eine ordensähnliche Gemeinschaft und ökumenisch ausgerichtet, weil die Brüder aus verschiedenen Kirchen kommen. Die Gemeinschaft wurde 1961 in Deutschland gegründet und lebt seitdem nach den Regeln der alten Mönchsorden. Die Mitglieder verzichten auf Ehe, Familie und Besitz. Der Hauptsitz der Bruderschaft ist seit 1986 das unterfränkische Kloster Triefenstein im deutschen Unterfranken. Vor 50 Jahren konnte die Gemeinschaft ein altes Schloss am Thunersee beziehen. Was dann entstand, ist ein Lebensort, der Menschen bewegt. Stille, Begegnung, gemeinsames Leben, eingebettet in die Schönheit der Schweizer Bergwelt. Das
Rebgut Ralligen gehörte einst dem Augustinerkloster Interlaken, das im Zuge der Reformation aufgehoben wurde
Leben als Bruder
Auf dem Gut Ralligen gibt es keinen Luxus. Es gibt keinen Alkohol, keine Auswahl beim Essen, die wenigsten Zimmer haben ein eigenes Bad, WLAN gibt es nur im Hauptgebäude, und die Bettwäsche nehmen die Leute selbst mit. Ist ein ordensähnlicher Lebensweg noch zeitgemäss? Wie verlässt ein junger Mann sein Umfeld und geht in eine Gemeinschaft von Brüdern? «Ich hatte es nicht gut im Elternhaus. Und auch im Geschäft lief es nicht rund. Es brauchte eine Entscheidung», sagt Bruder Peter Pyrdok im Kirchenfenster von Radio Beo. Nach verschiedenen Begegnungen war die Bruderschaft eine Option für den damaligen 20-jährigen Mann. Er absolvierte als
Novize eine zwölfmonatige Probezeit. In dieser Zeit wurden Lebensthemen wie Gütergemeinschaft, Gehorsam und Sexualität besprochen. Dann hat sich Bruder Peter auf Lebenszeit gebunden. «Hinhören auf Gott und den ganzen Lärm hinter sich lassen. Es gibt eine positive Langeweile», sagt er zu seinem Leben. Er hat in seinem Leben auch gelernt, den Weg der Vergebung zu gehen: «Dieser Weg ist der zum Frieden in der eigenen Seele.»
Herzlich, Markus Baumgartner