Willy Riedi informiert sich generell gerne, interessiert sich für Geschichte und Psychologie. «Ich habe begonnen, die Bibel zu lesen», sagt er schmunzelnd in einem ausführlichen Porträt im «Tages Anzeiger». Entstanden sei dies aus reiner Neugier – und wegen einem guten Vorbild: «Meine Grossmutter war sehr gläubig, ging oft in die Kirche und hatte eine schöne grosse Bibel. Ich dachte immer: Die will ich einmal lesen.» Willy Riedi ist nicht religiös und sucht dennoch Antworten in einem alten Buch. Der 27-Jährige stellt sich grosse Fragen: «In der Bibel stehen viele Dinge, die dir
helfen können. Ob mit oder ohne Glaube an Gott.»
Bibel statt Filme oder Games
Willy Riedi ist im Eishockey als Kämpfernatur bekannt. Der Stürmer rackert, gräbt Scheiben aus, setzt seine Kollegen mit Pässen in Szene, sorgt in Unterzahl für Entlastung. Und er trifft immer wieder mal in die Maschen. Inzwischen ist er mit seinen 1,89 Metern und 99 Kilo einer der wuchtigsten Stürmer der Liga. «Meine Karriere war ein stetiger Steigerungslauf. Mit zunehmendem Alter lernst du, was dir hilft und worauf du verzichten kannst. Du nimmst Anpassungen vor», erklärt er nach dem Gewinn des zweiten Meistertitels vor einem Jahr. In dieser Saison hat er etwas verändert: Wenn andere im Mannschaftscar der ZSC Lions Musik hören, Filme schauen, durch ihr Handy scrollen oder schlafen, liest Willy Riedi. Kein Taktikdossier, keinen Roman, sondern die Bibel. Der 27-Jährige hat es sich zum Ritual gemacht, vor
jedem Spiel ein paar Seiten zu lesen. «Ich bin fast fertig», sagt er. «Es wäre cool, wenn ich diese Saison durchkomme.» Weil er teilweise verletzt ausfiel, musste er wieder aufholen. Die Fahrten nach Lugano im Viertelfinal und im Halbfinal nach Davos waren ideal für seine Lektüre.
Die Bibel und die Lektionen fürs Leben
Willy Riedi liest die Bibel nicht aus religiöser Überzeugung. Er ist weder getauft noch besucht er die Kirche. Ihn interessiert, was sich aus den Texten herauslesen lässt, erklärt er dem «Tages Anzeiger»: «Ich finde es interessant, wie viel Weisheit in diesem alten Buch steckt», sagt er. «Da stehen viele Dinge, die dir helfen können, wenn du sie in deinem Leben anwendest. Ob mit oder ohne Glaube an Gott.» Die Bibel habe vieles vorweggenommen, das heute in wissenschaftlichen Studien bewiesen sei. Gerade in der Psychologie und über das Zusammenleben von Menschen. Er nennt ein Beispiel: «Wenn du an den negativen Gefühlen festhältst, wenn dir jemand etwas Schlechtes getan hat, bist du die einzige Person, die darunter leidet. Du trägst diese Last weiter, der Verursacher des Leids hingegen
merkt davon nichts. Auch wenn es schwierig ist und gegen unsere menschliche Natur geht: Es hilft, wenn du loslassen kannst.»
Wacher Geist
Willy Riedi versteht, dass viele den Zugang zur Bibel nicht fänden. Aber es lohne sich, sich damit auseinanderzusetzen. Stösst er manchmal auch einen Austausch im Mannschaftscar an? «Es ist nicht so, dass ich im Bus zu predigen beginne. Und ich will auch niemandem den Glauben an Gott aufdrängen. Aber wir haben einige im Team, die sich für solche Fragen interessieren. Sei das generell für Spiritualität, für Religion oder die Evolutionstheorie. Manchmal gibt es spannende Gespräche darüber, wer was glaubt.»
Der «Tages Anzeiger» weiter: Es ist ein Diskurs, den man nicht unbedingt von einem verschwitzten Hockeyspieler vor der Garderobe erwarten würde. Aber Riedis Blick reicht über das Eis hinaus. Das mag auch daran liegen, dass bei ihm nicht alles früh
vorgezeichnet war. Erst mit 20 setzte er nach der kaufmännischen Lehre an der United School of Sports bei den GCK-Lions in der Swiss League ganz aufs Eishockey. Er gab sich zwei Jahre Zeit. Seine Eltern knüpften daran eine Bedingung: dass er sich daneben weiterbildet. Willy Riedi liess sich zum Ernährungsberater und Fitnesscoach ausbilden und schloss im Januar 2025, längst ein etablierter Stürmer in der National League, die Berufsmatur ab. Als Teenager ein Spätzünder, ist er nicht nur körperlich, sondern auch als Spieler und Persönlichkeit gereift. Er ist ein wacher Geist und stets offen für neue Inspirationen.
Herzlich, Markus Baumgartner