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No images? Click here ![]() Johann Sebastian Bach tröstet Ukraine
Die diesjährigen Aufführungen der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach durch Chöre und Orchester in ganz Europa erhalten nun eine zusätzliche Dimension des Pathos: Weil die Ukraine unter der grundlosen Aggression leidet, kommt dem Musikwerk tröstende Bedeutung zu. Mit über 150 Minuten Aufführungsdauer und einer Besetzung von Solisten, zwei Chören und zwei Orchestern ist die Matthäus-Passion das umfangreichste und am stärksten besetzte Werk von Johann Sebastian Bach und stellt einen Höhepunkt der protestantischen Kirchenmusik und eines der bedeutendsten Werke der Musikgeschichte überhaupt dar. Bach erweist sich als Ausleger der Bibel, dessen Komposition eine reflektierte theologische Deutung widerspiegelt und als «klingende Predigt» angelegt ist. Das sakrale Oratorium schildert die falschen Anschuldigungen, Lügen und ungerechtfertigten Leiden, die Jesus zugefügt wurden und die mit seiner Kreuzigung und Beerdigung endeten. Die Parallele zur brutalen Invasion in der Ukraine und dem ungerechtfertigten Leid von Millionen unschuldiger Zivilisten wird aufmerksamen Zuhörern nicht entgehen. Schrei nach Gerechtigkeit Die ukrainische politische Aktivistin Hanna Hopka ist eine gläubige Orthodoxe und sich darüber im Klaren, dass die Zukunft der Ukraine in den christlichen Werten verwurzelt sein muss, erklärt Jeff Fountain vom Schuman Centre for Europe Studies in Amsterdam in seinem «Weekly Word» . Aber im Moment kämpft sie mit aller Kraft für die Zukunft ihres Landes als freies und demokratisches Land. Hanna Hopka bittet um ein Eingreifen des Westens, um das Leid ihres Volkes zu lindern: für die Mütter, die auf Betonböden in Bombenkellern gebären; für die Kinder, die aus Mangel an Nahrung und Wasser weinen und durch die russischen Bombardements verängstigt sind. Hannas Schrei nach Gerechtigkeit und Befreiung hallt wider und findet ein Echo in den Worten der Matthäus-Passion: «Die Welt hat mich hinterlistig gerichtet, / Mit Lügen und falschen Worten, / Mit mancher Schlinge und heimlichem Plan, / Herr, behüte mich in dieser Gefahr, / Schütze mich vor falschen Täuschungen.» Uraufführung an Karfreitag Kiew ist die Wiege der ukrainischen und russischen Orthodoxie. Die Stadt wird derzeit von einer russischen Armee belagert und bombardiert, die versucht, die Stadt einzukesseln. Das normale Leben ist gestört. Der tägliche Handel und öffentliche Versammlungen sind eingestellt. Jeden Tag gibt es Berichte über tragische Opfer unter der Zivilbevölkerung. Am Karfreitag 1727 wurden auch die Tore von Leipzig für den gesamten Verkehr geschlossen. Märkte und öffentliche Versammlungen waren verboten, nicht wegen einer feindlichen Invasion, sondern zum Gedenken an die ungerechte und grausame Kreuzigung des Jesus von Nazareth. An diesem Tag wurde in der Thomaskirche die Matthäuspassion unter Johann Sebstian Bachs Leitung uraufgeführt. Das Kreuz im Mittelpunkt Bach war städtischer Chordirektor und verantwortlich für die Musik in den Gottesdiensten der vier Hauptkirchen in Leipzig. Von den vier, vielleicht fünf Passionen, die Bach geschrieben hat, sind nur noch die Matthäus- und die Johannespassion erhalten, die jeweils einen anderen theologischen Schwerpunkt haben. Sie waren alle ein Teil des jährlichen Kantatenzyklus und keine eigenständigen Werke. So wie die Passionserzählungen in den Evangelien Teil der Gesamtgeschichte des Lebens von Jesus Christus auf Erden sind, so gehören auch Bachs Passionen zu einem grösseren Bild, das in Musik ausgedrückt wird. Doch für Bach, wie für Luther und Paulus, stehen die Passionsgeschichte und das Kreuz im Mittelpunkt der Evangeliumsgeschichte: «Wir predigen Christus, den Gekreuzigten.» (1. Korinther 1,23) Die Praxis, die gesamte Geschichte aus einem der Evangelien zu singen, entwickelte sich im Mittelalter. Luther fragte, warum der Teufel alle gute Musik haben sollte, und regte an, die Erzählungen zu vertonen. Bach vertonte dann Luthers Übersetzung der Matthäus-Passionsgeschichte. Der Sonntag kommt Bach forderte alle Zuhörer auf, das schuldlose Lamm Gottes zu betrachten, das aus Liebe für die Schuldigen gestorben ist. Die Matthäuspassion erinnert daran, welch tiefe Wirkung die «grösste Geschichte aller Zeiten» hat und wie tief diese Geschichte trotz des Vordringens des Säkularismus in der europäischen Kultur verankert ist. Die Matthäus-Passion endet zwar mit dem Begräbnis Jesu, aber die Zuhörer wissen, dass dies nicht das Ende der Geschichte ist. Es ist ein Karfreitags-Oratorium. Das ungerechte Leiden dient einem Zweck, der erst später verstanden wird. Der Sonntag kommt. Auch das ist unser Gebet für die Ukraine. Möge Gott das Leid und die Tragödie erlösen und Wiederherstellung und Auferstehung bringen! Möge der Sonntag schnell kommen! Musik wie diese kann letztlich ein Teil des Trostes und der Heilung für die Ukrainer sein, die so viel Krieg und Leid durchmachen müssen. Herzlich, Markus Baumgartner P.S. Sie können sich weiter für das Dienstagsmailfest 2022 anmelden und Ihre Stimme für den Award abgeben. |
