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Der evangelische Pfarrer Samuel Kienast ist neu der höchste Frauenfelder: Der EVP-Gemeinderat wurde glanzvoll zum neuen Präsidenten des Gemeinderats von Frauenfeld gewählt. Kienast verspricht, jede Sitzung mit einem Witz und einem Bibelvers zu beginnen. Es war nicht geplant. Weder dass Samuel Kienast überhaupt in den Frauenfelder Gemeinderat noch dass er jetzt zum Präsidenten gewählt wurde. Doch er freut sich – am meisten auf die Begegnungen mit den Menschen, wie der 49-Jährige zur «Thurgauer Zeitung» sagt. Kienast ist in einer Pfarrfamilie im Zürcher Unterland aufgewachsen. Er kam schon früh mit der Politik in Berührung: «Mein Onkel war Mitglied der EVP Winterthur und hat immer fröhlich für die Politik geworben. Wie er das lebte, zeigte mir auf, wie man so die Gesellschaft mitgestalten kann.» Zürich, Vancouver, Tansania, Frauenfeld Bevor es Kienast 2011 beruflich nach Frauenfeld zog, studierte er Theologie in Zürich und Vancouver. Während seines 12 Semester dauernden Studiums in Zürich arbeitete er auch auf einer Bank und in einem Café der Heilsarmee für Leute von der Gasse, wo er Drogen- und Ausländerarbeit im Kreis 5 verrichtete. Dort hatte er als junger Pfarrer die Gelegenheit, in Kontakt mit Menschen in extremen Lebenssituationen zu kommen. Er erinnert sich an Gespräche mit einer Frau, die als Prostituierte arbeitete. «Sie hatte am genau gleichen Tag wie ich Geburtstag. Das zeigte mir eindrücklich auf, wie verschieden zwei Leben, gestartet am selben Tag, verlaufen können.» Später lebte Kienast mit Frau und Kindern während zweieinhalb Jahren in Tansania. Er erinnert sich, dass das Leben in Ostafrika ein Kulturschock war – im positiven Sinn: «Immer wenn ich die Tür öffnete, war da eine spannende und abenteuerliche Welt.» Dann kam Kienast zurück in die Schweiz und 2011 nach Frauenfeld, wo er die Arbeitsstelle als Pfarrer der evangelischen Kirchgemeinde annahm. Seine theologische Interessen beschreibt er mit einer Frage: «Wie können wir in der heutigen Gesellschaft Kirche sein, so dass das Evangelium verstanden und wirksam wird?» Er liebe das Pfarramt, weil diese Arbeit ihm wie keine andere ermöglicht, mit Gott und den Menschen zusammenzuarbeiten und sie miteinander in Verbindung zu bringen. «Weil ich überzeugt bin, dass das Evangelium von Jesus Christus auch heute die freimachendste und heilsamste Botschaft ist, die weitergegeben werden kann.» Ungeplante politische Karriere 2015 wurde er Gemeinderat – ganz unabsichtlich. «Ich war als Listenfüller aufgeführt, bin aber überraschend gewählt worden.» Im Gemeinderat gehört er inzwischen zu den Amtsälteren und schätzt das kollegiale Miteinander über die Parteigrenzen hinweg. Er hat in seiner Position als Pfarrer auch schon Ratsmitglieder verheiratet oder ihre Kinder getauft. Bei der Wahl zum Ratspräsident im Grossen Bürgersaal hatte sich viel Publikum auf der Galerie eingefunden – und liess sich von den Witzen des neuen höchsten Frauenfelders trefflich unterhalten, schreibt das «St. Galler Tagblatt». Denn der 49-jährige evangelische Pfarrer verspricht dem Rat, inskünftig jede Sitzung mit einem Witz und einem Bibelvers zu beginnen. Seine Begründung: «Wenn man zuerst miteinander gelacht hat, politisiert es sich dann anders.» Er werde jeweils aus der Bibel zitieren, weil man in der Politik viel Weisheit brauchen könne. Bei der Wahl konnte Kienast bei 34 Anwesenden deren 33 Stimmen auf sich vereinen. Der höchste Frauenfelder zu sein, ist für Kienast ein Privileg. Mit seiner Position ist das 77. Präsidium des Gemeinderats nach rund 15 Jahren wieder in den Händen der EVP. Die Zahl Sieben passt, denn wie Kienast erklärt, ist es eine göttliche Zahl. Er zitiert kurzerhand die entsprechende Stelle aus der Bibel. Kienast freut sich auf die Begegnung mit Menschen. «Ich hoffe, dass ich viele Anlässe besuchen darf, auch wenn mir vielleicht das Thema völlig fremd ist.» Diese Neugierde und Wissbegierigkeit machen für ihn einen wichtigen Teil der Position als Ratspräsidenten aus. Um auch genügend Zeit für Begegnungen zu haben, hat Kienast sein Pensum als Pfarrer um zehn Prozent reduziert. «Wer der Grösste sein will, sei der Diener von allen.» Das wolle er auch in seinem Amtsjahr verwirklichen und die politische Arbeit als Dienst an der Bevölkerung betrachten. Herzlich, Markus Baumgartner |
