|
No images? Click here ![]() Wie Sulzigjoggi einen Pilgerstrom provozierte
Er war fromm und las die Bibel mit Gleichgesinnten, war aber als Pietist am falschen Ort: 1747 wird der Bauer Jakob Schmidli in Emmenbrücke LU beim letzten grossen Ketzerprozess der Schweiz zum Tode verurteilt. Sein Vergehen: Häresie, Pietismus, Abfall vom katholischen Glauben. Ein neuer Dokumentarfilm zeichnet Schmidlis Geschichte nach und stellt sie in einen europäischen Kontext. Jakob Schmidli war Verdingbub, arbeitete als Kleinbauer und Knecht. Der Sulzigbauer war auch als Fuhrmann für das Kloster Werthenstein im Entlebuch tätig, das nach Einsiedeln der zweitwichtigste Pilgerort war. So kam er im Unterschied zu vielen anderen Mitte des 18. Jahrhunderts in der Welt herum und lernte vermutlich in Basel Pietisten und ihren reformatorischen Glauben kennen. Zurück in der Heimat gründete er eine Bibelgruppe, wurde verhaftet, aber wieder freigelassen. Er machte weiter, denn seiner Ansicht nach hatte seine Aktivität nichts mit Politik zu tun. Doch 1746 wurde er erneut verhaftet und schliesslich zum Tod durch Erwürgen und Verbrennen verurteilt. Jakob Schmidli starb mit 48 Jahren im Beisein einer «unabsehbaren Menschenmenge». Seine Gefährten wurden des Landes verwiesen. «Aus dem Glauben selig werden» Jakob Schmidli galt als Aufwiegler. Dem «Sulzigjoggi» seien seine Lehren «wider die Glaubens- und Kirchengesetze, die Sakramente und das Fegefeuer» zum Verhängnis geworden. Diese haben zu einem gewaltigen Pilgerstrom auf die Sulzig geführt. «Man kann aus jedem Glauben selig werden», lautete eine von Schmidlis Kernaussagen. Vor allem aber schien es der Obrigkeit nicht gepasst zu haben, dass hier ein einfacher Bauer das Evangelium selber ausgelegt habe. «Lasst mir doch meinen Glauben. Ich lasse euch den euren ja auch», soll die letzte Aussage Schmidlis vor seiner Hinrichtung gewesen sein. «Das Schicksal Schmidlis weckt heute, wo die Religionsfreiheit etwas Selbstverständliches ist, Verständnislosigkeit, Kopfschütteln und Empörung», erklärt Markus Ries, Professor für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät Luzern der «Luzerner Zeitung». Die Ketzerei hatte den gleichen Stellenwert wie das Kapitalverbrechen der Majestätsbeleidigung. Bibel im Mittelpunkt Sein Haus und seine Scheune auf der Sulzig ob Werthenstein wurden vom Standesweibel höchstpersönlich eingeäschert. An deren Stelle wurde eine weit herum sichtbare Schandsäule errichtet. Genau dort, wo diese Säule gestanden haben dürfte, gleich neben einer um 1790 gepflanzten Eiche, enthüllte 275 Jahre danach nach einem Fussmarsch auf die Sulzig der Luzerner Schultheiss Anton Schwingruber einen Gedenkstein, der an den «Sulzigjoggi» erinnert. Der Pietismus ist eine im späteren 17. Jahrhundert aus dem Protestantismus heraus entstandene religiöse Bewegung, die durch Vertiefung der Frömmigkeit des einzelnen Christen eine innere Erneuerung der Kirchen anstrebte. In den Mittelpunkt ihres Strebens rückten die Pietisten die Bibel, besonders das Neue Testament. Der Pietismus trat gegen die erstarrte Orthodoxie, für weltabgewandte Frömmigkeit und für die aktive Mitarbeit der Laien ein. Er war besonders in Deutschland verbreitet, aber auch in protestantischen Kantonen der Schweiz. Jakob Schmidli pflegte Beziehungen zu pietistischen Kreisen in Bern, Basel und Schaffhausen. Besonders durch die sogenannten Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts wirkt der Pietismus bis heute nach. Neuer DOK-Film Die Brutalität gegen Jakob Schmidli steht exemplarisch für eine Eidgenossenschaft, die im europäischen Vergleich rückständig war. Nirgendwo sonst wurden pro Einwohner mehr Todesstrafen verhängt, nirgendwo mehr Hexen hingerichtet. Doch als Söldner waren die Eidgenossen gerne gesehen. Der neue Dokumentarfilm «Der letzte Ketzer» von Jan-Marc Furer und Manuel Dürr zeichnet Jakob Schmidlis Geschichte nach. Er wurde Ende August von SRF
1 ausgestrahlt und ist nun in der Mediathek für eine Weile verfügbar. Herzlich, Markus Baumgartner |
